Mikroplastik ist überall – im Wasser, das wir trinken, in der Luft, die wir atmen, und in der Nahrung, die wir zu uns nehmen. Nach einer WWF-Studie nimmt ein Mensch bis zu fünf Gramm Mikroplastik pro Woche auf - das entspricht in etwa dem Gewicht einer Kreditkarte.
Woher kommt das Zeug? Bekannt ist, dass kleine Kügelchen in Kosmetika direkt ins Abwasser gehen. Viele denken auch an den Plastikmüll, der in manchen Ländern immer noch direkt in Flüsse und ins Meer gekippt wird. Ist man etwas informierter, weiß man, dass auch Waschmaschinen und Trockner Kunststofffasern der Kleidung in Micro-Plastik verwandeln.
Eine ganz andere Quelle der permanenten Verseuchung mit Kunststoffpartikeln gerät erst jetzt in den Blick: Ausgerechnet "jungfräuliches" Granulat direkt aus der Produktion soll für einen guten Teil der Verschmutzung mit Mikroplastik verantwortlich sein. Bei schlechter Handhabung können die kleinen Pellets beim Be- und Entladen und dem Transport entkommen und gelangen dann mit dem Wind oder dem Regenwasser aus den Fabrikgeländen in die Umwelt. Wie andere Mikrokunststoffe im Ozean sammeln diese Pellets giftige Chemikalien aus dem umgebenden Wasser an. Sie werden gern gefressen, weil viele Arten die Pellets mit Fischeiern verwechseln.
Exakte weltweite Erhebungen gibt es nicht. Es wird geschätzt, dass jährlich mehr als 250.000 Tonnen Granulat in den Ozean gelangen. Als 2017 zwei Schiffe kollidierten, gelangten 49 Tonnen Pellets ins Meer. Diese 49 Tonnen reichten aus, um 2000 Kilometer südafrikanische Küste mit kleinen Kügelchen zu beschichten. 450 Tage nach der Kollision erreichten die Pellets selbst Australien.
Im Februar 2019 berichtete die schottische Umweltgruppe Fidra über die Verschmutzung durch Pellets in 28 von 32 untersuchten Länder. Für Großbritannien besagt eine Studie, dass allein die dortigen Produktionsanlagen zwischen 5 und 35 Milliarden Pellets im Jahr verlieren. Vorläufige Schätzungen nehmen an, dass etwa die Hälfte des Mikroplastiks aus den Vorproduktionspellets besteht. "Pellets bilden die zweithäufigste Art von Mikrokunststoff, die wir finden, nach den Fragmenten, die sich bilden, wenn sich größere Dinge zersetzen", sagt Sherri Mason, von Pennsylvania State University zum Portal "Quartz". "Ich kann an jeden Strand gehen, nach fünf Minuten finde ich etwas. An einem Flussufer sind es 10 Minuten. Sobald man weiß, wie diese Pellets aussehen, findet man sie überall."
Umwelt- und Klimaschutz geht uns alle an. Dieser Beitrag ist Teil des Projekts "Packen wir’s an!" der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch der stern als Teil von Gruner + Jahr gehört. Mit der vereinten Kraft und Reichweite unserer journalistischen Angebote wollen wir maximale Aufmerksamkeit schaffen und Wissen vermitteln – für eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. #PACKENWIRSAN
In der eigentlichen Produktionsanlage entweichen diese Grundstoffe nicht. Die Probleme entstehen beim Verladen und dem Transport. Unterdruckschläuche saugen die kleinen Linsen an und spülen sie dann in Container und Transporter. An den Anschlussstellen treten stets Pellets aus, andere werden vom Wind verweht. Abhilfe könnten geschlossene Verladestellen und eine Recyclingpflicht sein. Sobald die Kügelchen auf den Boden gefallen sind, sind sie als Rohmaterial ohne vorherige Reinigung unbrauchbar. Meist werden sie achtlos weggespült, so gelangen sie in die Kanalisation.
In Dänemark zeigten 2018 Stichproben von Fauna & Flora International (FFI) ein erschreckendes Ergebnis. Die Proben wurden in der Umgebung von Unternehmen gemacht, die Kunststoffprodukte herstellen. Überall war die Umwelt mit Pellets belastet. Und das, obwohl einige der Unternehmen freiwillig dem Industriestandard Clean Sweep folgen, der dazu führen soll, dass es zu keinen Verlusten von Pellets kommt. "Da es in Dänemark keine Hersteller von Kunststoffpellets gibt, dachten wir, es könnte eine Fallstudie über ein Land mit Null-Pelletverlust darstellen. Da lagen wir falsch. Diese Ergebnisse zeigen, dass Pellets von Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette in die Umwelt freigesetzt werden und die derzeitigen freiwilligen Bemühungen der Industrie, dies zu verhindern, nicht funktionieren", sagte Elisabeth Whitebread von FFI.
Die kleinen Kügelchen gelten nicht als Gefahrengut, entsprechend lax sind die Vorschriften. Allerdings ändern sich die Vorstellungen langsam. In Texas hat das Unternehmen Formosa Plastics Millionen von Pellets in eine Bucht am Golf von Mexiko eingeleitet. So lange, bis Anwohner genug davon hatten, dass ihre Strände von Pellets bedeckt werden, und begannen die Einleitungen akribisch zu protokollieren. Im Juni entschied ein Bundesrichter, dass Formosa die Landes- und Bundeswasserverschmutzungsgesetze verletzt habe. Die Anwohner wollen, dass die Firma deswegen 184 Millionen Dollar an Strafen zahlt, das Maximum, das der Clean Water Act erlaubt.
Quellen: The Atlantic, Marine Pollution Bulletin, Quartz
Mit jeder Mahlzeit essen wir über 100 Plastik-Partikel
Studie: Menschen nehmen wöchentlich bis zu fünf Gramm Mikroplastik auf
Wie gefährlich ist Mikroplastik für unseren Körper?
© G+J Medien GmbH
Zugang zu allen STERN PLUS-Inhalten und Artikeln aus dem Print-Magazin
werbefrei & jederzeit kündbar