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„So Hannsi, jetzt machen wir es“, sagt Lore Voith zu ihrem Mann. Und Hannsi macht: Er kauft den Bauernhof Rengoldshausen, überschreibt ihn seiner Frau und macht aus dem Betrieb ein Hofgut, das auf biologisch-dynamische Landwirtschaft ausgerichtet ist. All das ereignet sich vor 90 Jahren, anno 1932.
Doch die Geschichte beginnt schon weit vorher, als die wahrscheinlich fränkische Gründung im Jahr 1222, genauer am „15. Tag vor den Kalenden des Augusts“, also am 18. Juli, im Zusammenhang mit dem Kloster Salem erstmals erwähnt wird. 1259 geht Rengoldshausen in den Besitz des Beginenkonvents „Schwestern von der Wiese“ über. Im Laufe der Jahrhunderte verlieren die Beginen an Bedeutung und 1528 überschreiben sie ihr letztes Hab und Gut, darunter Rengoldshausen, dem Spital.
Es vergehen einige Jahrhunderte, bis das 19. anbricht. Eine unruhige Zeit, die Historiker Ulf Janicke anlässlich des Doppeljubiläums – 800 Jahre Hofstelle und 90 Jahre biologisch-dynamische Landwirtschaft, so beschreibt: „Mit der Einigung Frankreichs und dem deutschen Reich verliert die freie Reichsstadt Überlingen nach 500 Jahren ihre Unabhängigkeit und fällt an das Haus Baden. Damit endet nach über 500 Jahren das Regiment der Zünfte und Geschlechter.“ Und nicht nur die politischen Verhältnisse ordnen sich neu, auch das Lehenswesen gerät in die Kritik. Das betrifft Rengoldshausen: Mitte des 19. Jahrhunderts wird hier der Zehnten abgelöst, Lehensinhaber ist Georg Veit.
Die Landwirtschaft ist ebenfalls im Wandel. Dank Mechanisierung und der Möglichkeit, auf bessere Transportmittel zurückgreifen zu können, produzieren die Bauern nicht länger nur für den Eigenbedarf. Es ist nicht unüblich, dass Unternehmer Bauernhöfe kaufen. Robert Bosch tut es. Gustav Oehlert aus der Pfalz macht es auch: Das rund 35 Hektar große Rengoldshausen ist jetzt das „Gut des Rittmeisters a. D. Dr. Oehlert“. Dieser investiert kräftig, baut neue Gebäude und kaum sind die fertig gestellt, verschlingt ein schlimmer Brand alle Neuerungen.
Ein paar Jahrzehnte später in Heidenheim: Der Unternehmer Hanns Voith heiratet 1928 die Bergmannstochter Lore. Die beiden interessieren sich für die Natur. Der Autor der aktuellen „Rengo-Chronik“, Matthias Georgi, erklärt: „Lange war Landwirtschaft per se bio, aber 1910 wurde ein Verfahren erfunden, wie man Stickstoffdünger synthetisch herstellen kann und damit konnte man schneller produzieren, als die Natur sich regeneriert.“ Rudolf Steiner sah dieses Problem und erfand das Prinzip Demeter.
Dieses spricht Hanns und Lore Voith an. Zumal sich beide bewusst sind, dass die Maschinen, die ihnen ihren Wohlstand bringen, Einfluss auf Natur und Umwelt haben. Sie wollen etwas zurückgeben. Sie pachten und kaufen den Talhof nahe Heidenheim und führen ihn biologisch-dynamisch. Es läuft gut und sie suchen einen größeren Hof – und finden ihn nach langer Zeit in Überlingen: das Hofgut Rengoldshausen. Die Stadt mit ihren rund 5000 Einwohnern und den vielen Orten ringsum in einer Gegend, in der die Landwirtschaft der größte Arbeitgeber ist, gefällt.
Auch haben sie vor, mit ihren sechs Töchtern Urlaub zu machen. In Sachen Tourismus kann Überlingen mit 1000 Gästebetten und 31.336 Übernachtungen im Jahr 1930 schon punkten. Hanns Voith hat die Bodenseeregion als Urlaubsort bereits in Kindertagen erprobt. Rengo steht ebenfalls gut da, hat mittlerweile 48 Hektar und damit fast doppelt so viel Grund wie die meisten Vollerwerbsbetriebe in der Weimarer Republik, die üblicherweise zwischen fünf und 20 Hektar umfassen.
Allein: Hanns Voith zögert. Vielleicht deshalb, weil sein Unternehmen nicht gut läuft. Die Weltwirtschaftskrise hat ihn fest im Klammergriff. Wer kann sich in diesen Zeiten schon teure Investitionsgüter wie die Papiermaschinen und Turbinen leisten, die Voith herstellt? Doch seine Frau Lore überzeugt ihn und wird Eigentümerin, was ungewöhnlich ist in der damaligen Zeit.
Die Voiths suchen einen Verwalter und finden ihn in Ludwig Dreidax, der die anthroposophischen Überzeugungen teilt und den Hof nach der biologisch-dynamischen Anbauweise führt. Das Wohnhaus wird aufgeteilt: Eine Hälfte erhält Dreidax, die andere bewohnen die Voiths in den Ferien, in denen die Töchter mitarbeiten müssen, der Vater nennt das „tätige Erholung“. Kühe melken, Feldarbeit, mit dem Traktor die Ernte einbringen.
Im Krieg wird der Hof Zufluchtsort. Doch die Töchter werden ebenso gebraucht. Wie alle Höfe ist Rengo auf die Mitarbeit von Frauen und Mädchen angewiesen. Die Männer mussten in den Krieg, die besten Pferde auch. Ludwig Dreidax fällt. Seine Frau übernimmt die Leitung des Hofs mit einem Herrn Lanz, einem der Knechte. Wie es in der Chronik heißt, sei er den Kindern nicht sympathisch gewesen – im Gegensatz zu einigen Zwangsarbeitern, unter denen „ein reizender und kinderlieber Bauer aus Polen gewesen sein“ soll.
Nach dem Krieg gibt es einige Wechsel bei den Verwaltern. In dieser Zeit gründen die Voiths ein Erholungsheim für Werksangehörige. Das Angebot wird gut angenommen, 1951 kommen fast 500 Gäste. Doch die Nachfrage nimmt ab, 1967 schließt der letzte Feriengast die Tür. Der Hof ist verschuldet, Hanns Voith entschließt sich, die Betriebs-GmbH zu liquidieren, entschuldet den Hof und beschließt: Künftig soll dieser von einem Pächter geführt werden. Der Reigen der Pächter beginnt 1960 mit einem Herrn Jung und endet vorerst 1967 mit Alfred Greiner und seiner Frau Mechthild, die Rengoldshausen für knapp 20 Jahre führen.
1972 bezieht mit Cornelia Hahn eine Voith-Tochter den Hof. In den nächsten Jahren bringen sie und ihr Mann den Rengoldshausen und die anthroposophischen Einrichtungen in Überlingen stark voran – etwa die Waldorfschule. Als das Ehepaar Hahn 1984 auf Eckard und Brigitte von Wistinghausen trifft, ist das der Beginn für einen neuerlichen Wandel: Der Hof wird unstrukturiert und das landwirtschaftliche Grundjahr etabliert, ein Angebot für Menschen in der Berufswahl. Zwischenzeitlich geht der Hof an die gemeinnützige Columban-Stiftung über.
Auch bei den Pächtern gibt es eine Veränderung: Die Greiners wollen sich altershalber zur Ruhe setzen – und nun kommt einer, der heute noch auf dem Rengo-Hof das Zepter in der Hand hat: Walter Sorms. Seine damalige Frau Suse hatte hier ihr Landwirtschaftspraktikum absolviert und war überzeugt, Rengoldshausen sei der „weltweit schönste Hof“.
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